Beim medizinischen Fachkongress Infektio-Update 2026 in Berlin hat der Virologe Professor Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg eindringlich vor den Gefahren des Borna-Disease-Virus 1 (BoDV-1) gewarnt. In seinen Ausführungen zog der Experte eine drastische Parallele: „Das Bornavirus ist unser neues Tollwut-Virus“. Der Hamburger Wissenschaftler begründete diesen Vergleich mit den biologischen und klinischen Gemeinsamkeiten beider Erreger: Sowohl das Tollwut-Virus als auch BoDV-1 sind zoonotische RNA-Viren, die bei infizierten Menschen eine schwere, fast ausnahmslos tödlich verlaufende Enzephalitis auslösen.
Eine Infektion mit dem Borna-Disease-Virus 1 führt beim Menschen zu einer fulminanten Hirnentzündung. Die wenigen Patienten, welche die Infektion überleben, behalten in der Regel schwerste neurologische Defektheilungen und bleibende Schäden zurück. Da das Krankheitsbild im Anfangsstadium oft unspezifisch verläuft, gerät die Erkennung der Enzephalitis in vielen Fällen zu einem Wettlauf gegen die Zeit.
Als natürliches Erregerreservoir des Virus gilt ausschließlich die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon), eine zu den Insektenfressern zählende Weißzahnspitzmaus. Die Tiere scheiden das Virus über Speichel, Urin und Kot aus, ohne dabei selbst erkennbare Krankheitssymptome zu entwickeln. Nach derzeitigem wissenschaftlichen Erkenntnisstand erfolgt die Übertragung auf den Menschen vermutlich über das Einatmen von kontaminiertem Staub oder durch den direkten Kontakt mit den infektiösen Ausscheidungen der Feldspitzmaus.
Als einziger gesicherter epidemiologischer Risikofaktor konnte bisher das ländliche Wohnen am Rand naturnaher Siedlungsgebiete innerhalb bekannter Endemiegebiete nachgewiesen werden. Der Kontakt zu Haustieren spielt für eine Übertragung hingegen keine Rolle. Schmidt-Chanasit stellte hierzu klar: „Ob Sie einen Hund haben, ein Pferd haben, eine Katze haben, das hat da alles keine Signifikanz“. Zudem unterliegt das Vorkommen des Virus strengen geografischen und topografischen Grenzen. Lagen oberhalb von 500 Höhenmetern gelten laut dem Virologen als vergleichsweise sicher, da der Erregerwirt diese Regionen meidet: „Die Spitzmaus geht nicht in Höhenlagen“.
In Deutschland erstrecken sich die bekannten Endemiegebiete vor allem über den Süden und Osten. Schwerpunktregion ist Bayern, doch auch in Teilen von Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg wurden Fälle dokumentiert. Darüber hinaus existieren Vorkommen in angrenzenden Gebieten von Österreich, Liechtenstein und der Schweiz. Um eine bessere Übersicht über das Infektionsgeschehen zu gewährleisten, besteht in Deutschland seit dem 1. März 2020 gemäß Paragraph 7 des Infektionsschutzgesetzes eine namentliche Meldepflicht für den direkten Erregernachweis humanpathogener Bornaviren.
Die Fallzahlen sind absolut betrachtet gering: Das Robert Koch-Institut schätzt die bundesweite Inzidenz auf maximal etwa zehn Neuerkrankungen pro Jahr. Bis zum Ende des Jahres 2024 wurden in Deutschland rund 50 bestätigte humane Fälle registriert, der überwiegende Teil davon in Bayern.
Besondere Hürden stellt die zeitsensible Diagnostik dar. Ein frühes negatives PCR-Ergebnis im Liquor schließt eine BoDV-1-Infektion keinesfalls aus, da die Sensitivität des direkten Erregernachweises im Krankheitsverlauf rasch sinkt. Zugleich lassen sich Antikörper in der frühen Phase serologisch oft noch nicht nachweisen. Aus diesem Grund muss bei klinischem Verdacht frühzeitig und zwingend parallel eine Liquor-PCR sowie eine serologische Untersuchung aus Serum und Liquor veranlasst werden, um Fehldiagnosen zu vermeiden.
Erschwert wird das Vorgehen durch die Pathophysiologie: Die Zerstörung des Nervengewebes beruht vor allem auf einer massiven, immunvermittelten Reaktion durch zytotoxische T-Zellen. In der Fachwelt wird daher diskutiert, antivirale Behandlungsansätze mit einer frühzeitigen antiinflammatorischen Intervention zu kombinieren. Schmidt-Chanasit betonte die Dringlichkeit eines schnellen Eingreifens: „Sie müssen wahrscheinlich sehr früh dran sein, um die Virusreplikation runterzudrücken, dass die zytotoxischen T-Zellen erst gar nicht anfangen, das Hirn kaputtzumachen“. Nur wenn die Vermehrung des Virus rechtzeitig gestoppt wird, lässt sich die verheerende Zerstörung des zentralen Nervensystems womöglich verhindern.