Das Mainzer Pharmaunternehmen BioNTech stellt die Produktion an seinen drei deutschen Standorten Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen ein. Nach monatelangen Verhandlungen über einen möglichen Verkauf der Betriebsstätten fand sich kein Abnehmer für die industriellen Anlagen. Das Unternehmen gab bekannt, dass rund 1.800 Beschäftigte von den Werksschließungen betroffen sind. Die Schließungen sollen gestaffelt bis Ende 2028 erfolgen.
Schwieriges Marktumfeld verhindert Verkauf
BioNTech hatte in den vergangenen Monaten versucht, die drei Werke an externe Investoren oder Branchenpartner zu veräußern, um die industriellen Kapazitäten zu erhalten. Diese Gespräche blieben jedoch erfolglos. Dass eine Veräußerung der Werke nicht realisiert werden konnte, begründete das Unternehmen wörtlich mit dem „aktuell schwierigen Markt- und Investitionsumfeld“. Angesichts weltweit sinkender Bewertungen und zurückhaltender Investitionen im Biotech-Sektor fand sich kein tragfähiges Übernahmeangebot für die Liegenschaften.
Um die Folgen für die Belegschaft abzufedern, verhandelte das Unternehmen mit dem Konzernbetriebsrat über ein Auffangpaket. BioNTech teilte mit, dass man sich auf „ergänzende Abfindungskonditionen“ verständigt habe, um die anstehenden Schließungen sozialverträglich abzuwickeln. Konkrete Angaben zu den finanziellen Umfängen oder Details der Abfindungsvereinbarungen wurden zunächst nicht öffentlich gemacht.
Gestaffelter Zeitplan bis Ende 2028
Die Abwicklung der drei Produktionsstandorte wird sich über mehrere Jahre erstrecken. Der Zeitplan des Konzerns sieht eine schrittweise Stilllegung vor, die Ende 2027 am Standort Tübingen in Baden-Württemberg beginnt. Das hessische Werk in Marburg soll nach den Unternehmensplanungen Anfang 2028 folgen. Der Standort Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz wird schließlich Ende 2028 als letztes der drei Werke den Betrieb einstellen.
Allein am Standort Marburg sind nach Angaben des Hessischen Rundfunks rund 540 Arbeitsplätze betroffen. Das Werk auf dem geschichtsträchtigen Gelände der Marburger Behringwerke hatte BioNTech einst vom Schweizer Pharmakonzern Novartis übernommen und in der Hochphase der Corona-Pandemie mit hohem finanziellem Aufwand umgerüstet. Dort wurden in großem Maßstab mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 sowie Plasmid-DNA hergestellt, die als essenzielles Ausgangsmaterial für die Boten-Ribonukleinsäure dient.
Der Standort Tübingen repräsentiert den Hauptsitz des ehemaligen Konkurrenten CureVac. BioNTech hatte die Übernahme des Tübinger Unternehmens im Sommer 2025 eingeleitet. In Idar-Oberstein wiederum betrieb der Konzern Anlagen, die vor allem auf die Herstellung von Therapeutika für frühe klinische Entwicklungsphasen spezialisiert waren.
Überkapazitäten und strategische Neuausrichtung auf die Onkologie
Die Schließung der drei deutschen Fertigungsstätten markiert einen tiefgreifenden Einschnitt in die Produktionsstruktur des Mainzer Unternehmens. Den Hintergrund der Entscheidung bilden anhaltende Überkapazitäten und eine zu geringe Auslastung der Produktionsanlagen. Nach dem weltweiten Nachfragerückgang nach Covid-19-Vakzinen benötigt BioNTech die während der Pandemie aufgebauten gigantischen Fertigungsvolumina nicht mehr.
Gleichzeitig treibt die Unternehmensführung eine strategische Neuausrichtung voran. Die freiwerdenden Ressourcen sollen künftig konsequent auf das Kerngeschäft der Onkologie gebündelt werden. BioNTech entwickelt zahlreiche neuartige Krebsmedikamente, deren Anforderungsprofile und Herstellungsprozesse sich jedoch grundlegend von der massenhaften Produktion standardisierter Impfstoffdosen unterscheiden. Mit dem schrittweisen Rückzug aus Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen passt das Unternehmen seine industrielle Infrastruktur an die Erfordernisse der klinischen Pipeline im Bereich der Krebsforschung an.