Das Brüsseler Mischnutzungs- und Transformationsprojekt ZIN ist am 3. November 2026 in der Frankfurter Paulskirche mit dem renommierten Internationalen Hochhaus Preis (IHP) 2026/27 ausgezeichnet worden. Der mit 50.000 Euro und einer eigens gestalteten Statuette des Künstlers Thomas Demand dotierte Architekturpreis gilt als eine der weltweit bedeutendsten Ehrungen für zukunftsweisende Hochhausbauten. Die Auszeichnung wird alle zwei Jahre gemeinsam von der Stadt Frankfurt am Main, dem Deutschen Architekturmuseum (DAM) und der DekaBank vergeben.
Die Entscheidung der Fachjury unter dem Vorsitz von Brian Yang fiel einstimmig aus. Überreicht wurde der Preis im feierlichen Rahmen der Paulskirche von Dr. Ina Hartwig, Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt am Main, Birgit Dietl-Benzin, Vorständin der DekaBank, sowie Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums. Das Projekt ZIN setzte sich in einem weltweiten Wettbewerbsfeld durch und überzeugte das Gremium vor allem durch seinen konsequenten Ansatz des Weiterbauens im Bestand sowie durch sein nutzungsoffenes Konzept für das urbane Umfeld.
Zirkulärer Umbau statt Komplettabriss
Das 129 Meter hohe Bauwerk entstand nach Entwürfen der Architekturbüros 51N4E (Brüssel), Jaspers-Eyers Architects (Brüssel) und l’AUC (Paris) im Auftrag der Immobiliengruppe Befimmo. Nach mehrjähriger Bauzeit wurde der Komplex im September 2024 fertiggestellt. Das Vorhaben markiert einen tiefgreifenden Wandel im Brüsseler Nordviertel: Anstatt die beiden in die Jahre gekommenen Bürotürme des einstigen World Trade Centers (WTC I und II) vollständig abzureißen, wählten die Planer einen zirkulären Transformationsweg.
Die beiden tragenden Erschließungskerne der ursprünglichen Türme sowie die fünf Untergeschosse blieben vollständig erhalten. Verbunden wurden die getrennten Strukturen durch einen neu eingefügten Mittelteil, der sich durch doppelte Geschosshöhen auszeichnet und die vormals isolierten Baukörper zu einer zusammenhängenden Großform vereint. Durch diesen Erhalt von Kernstrukturen und Fundamenten konnte ein erheblicher Teil der sonst bei Abriss und Neubau anfallenden grauen Energie gebunden werden. Auch bei den neu eingebrachten Materialien stand der Ressourceneinsatz im Mittelpunkt: Bei den neu verwendeten Baumaterialien erreichte das Projekt eine Cradle-to-Cradle-Zertifizierungsquote von 95 Prozent.
Belebung des Stadtteils durch Nutzungsvielfalt
Über die bauliche Transformation hinaus reagiert ZIN auf die städtebauliche Monokultur des Brüsseler Nordquartiers, das jahrzehntelang primär von reinen Verwaltungsbauten geprägt war. Der Komplex fungiert nun als vielschichtiges Mischnutzungsgebäude. Neben weitläufigen Büroflächen – unter anderem als Verwaltungssitz der flämischen Regionalregierung – beherbergt der 129-Meter-Bau moderne Appartements sowie ein Hotel. Hinzu kommen eine Vereinsturnhalle, Gastronomieangebote mit eigenem Gewächshaus, verschiedene Einzelhandelsflächen sowie für die Allgemeinheit öffentlich zugängliche Dachgärten.
Diese programmatische Vielfalt war für das Urteil des Preisgerichts ausschlaggebend. Jurychef Brian Yang hob während der Preisverleihung die veränderte gesellschaftliche Rolle moderner Hochhausarchitektur hervor: „Hochhäuser sollen nicht länger nur hoch aufragende Symbole der Macht sein. Es geht vielmehr darum, die Macht zu transformieren, zu verändern und auf eine Situation zu reagieren. Ich glaube, es ist wichtig für einen Stadtteil, voller Leben zu sein, und das kann mit einer Mischung von Büros, Hotels und Wohnungen wie im ZIN erreicht werden.“
Vorbildcharakter für die europäische Bauwende
Auch auf Bauherrenseite wird der Preis als Bestätigung für eine strategische Neuausrichtung in der Immobilienentwicklung verstanden. Jean-Philip Vroninks, CEO der Befimmo Real Estate Group, unterstrich die Bedeutung des Projekts: „Für Befimmo bestätigt dieser Preis unsere Überzeugung, dass das nachhaltigste Gebäude oft jenes ist, das bereits existiert.“ Das Konzept belegt, dass selbst Großstrukturen der Spätmoderne wirtschaftlich und ökologisch tragfähig in zeitgemäße, gemischte Quartiersbausteine überführt werden können, ohne das städtische Erbe auszulöschen.
DAM-Direktor Peter Cachola Schmal betonte im Rahmen der Würdigung, dass das Brüsseler Gebäude „so viel“ bewirke, ohne dass der Entwurf rein auf eine ikonische Außenwirkung abziele. Statt formaler Extravaganz stehe die gesellschaftliche und funktionale Relevanz des Baus im Vordergrund. Mit der Auszeichnung des ZIN sendet der Internationale Hochhaus Preis ein deutliches Signal an die internationale Architekturbranche: Zukunftsfähiges Bauen und Wohnen in der Höhe bemisst sich nicht mehr an reinen Höhenrekorden oder spektakulären Fassaden, sondern an Ressourceneffizienz, Nachnutzung vorhandener Strukturen und der Öffnung privater Großbauten in den städtischen Raum hinein.