Nach einem ischämischen Schlaganfall zählt für das Überleben von Gehirngewebe jede Minute. Während mechanische Verfahren und Thrombolysen vorrangig darauf abzielen, verstopfte Gefäße wieder zu eröffnen, bleibt der Schutz der Nervenzellen vor Folgeschäden ein zentrales Ziel der neurologischen Forschung. Eine am 10. September 2026 im Fachjournal JAMA publizierte klinische Phase-III-Studie liefert nun neue Daten zu einem medikamentösen Ansatz: Der niedermolekulare Wirkstoff Loberamisal konnte bei Betroffenen, die nicht für eine Thrombektomie infrage kamen, die funktionelle Genesung nach drei Monaten deutlich verbessern.
Multizentrische Untersuchung an knapp 1.000 Betroffenen
Die klinische Prüfung mit der Bezeichnung LAIS (Loberamisal for Acute Ischemic Stroke) wurde von einem Team um Erstautorin Dr. Shuya Li und Letztautor Dr. Yongjun Wang von der Abteilung für Neurologie des Tiantan-Krankenhauses der Capital Medical University in Peking geleitet. Als multizentrische, randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Studie konzipiert, untersuchte sie die Wirksamkeit und Sicherheit des neuen Präparats unter streng kontrollierten Bedingungen.
Insgesamt nahmen 998 erwachsene Patientinnen und Patienten teil, die einen akuten ischämischen Hirninfarkt erlitten hatten. Die Behandlung begann jeweils innerhalb eines Zeitfensters von 48 Stunden nach dem Auftreten der ersten Symptome. Die Teilnehmenden erhielten über einen Zeitraum von zehn Tagen täglich eine intravenöse Dosis von 40 Milligramm Loberamisal oder ein entsprechendes Placebo. Wichtiges Einschlusskriterium war, dass bei den behandelten Personen keine mechanische Thrombektomie durchgeführt wurde, wodurch die Studiengruppe ein spezifisches therapeutisches Versorgungssegment repräsentiert.
Dualer Schutzmechanismus gegen Exzitotoxizität und Entzündung
Loberamisal unterscheidet sich von früheren neuroprotektiven Kandidaten durch einen zweifachen pharmakologischen Wirkansatz auf zellulärer Ebene. Bricht die Sauerstoff- und Glukosezufuhr im Gehirn ab, geraten physiologische Signalwege aus dem Gleichgewicht, was zu einer massiven Übererregung der Neuronen (Exzitotoxizität) und nachfolgenden Entzündungsreaktionen führt.
Das Molekül greift gezielt in diese Kaskade ein: Zum einen dissoziiert es den Signalweg zwischen dem Post-Synaptic-Density-Protein-95 (PSD-95) und der neuronalen Stickstoffmonoxid-Synthase (nNOS). Dies hemmt die Entstehung toxischer Stickstoffverbindungen und vermindert zellschädigende Signale an den Synapsen. Zum anderen aktiviert Loberamisal spezifisch Alpha2-enthaltende GABAA-Rezeptoren. Diese Aktivierung dämpft die neuronale Übererregung zusätzlich und vermindert entzündliche Zelluntergänge im geschädigten Areal.
Signifikanter Vorteil bei der funktionellen Erholung nach 90 Tagen
Als primärer Endpunkt der Studie war der Anteil der Patientinnen und Patienten definiert, die nach 90 Tagen ein exzellentes funktionelles Ergebnis erzielten. Dies wurde anhand der modifizierten Rankin-Skala (mRS) erfasst, wobei Werte von 0 oder 1 für Beschwerdefreiheit oder lediglich geringfügige Symptome ohne wesentliche Beeinträchtigung im Alltag stehen.
Die Auswertung ergab einen klaren statistischen Unterschied zwischen beiden Behandlungsgruppen: In der mit Loberamisal behandelten Gruppe erreichten 69,7 Prozent der Teilnehmenden diesen Zielwert. In der Kontrollgruppe, die ein Scheinmedikament erhalten hatte, betrug dieser Anteil 56,4 Prozent. Daraus errechnete sich ein relatives Risiko von 1,24 bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,12 bis 1,36. Die Wahrscheinlichkeit, drei Monate nach dem Ereignis ohne relevante Behinderung zu leben, war unter dem Wirkstoff somit messbar erhöht.
Verträglichkeit und Ausblick auf die klinische Entwicklung
Neben der Wirksamkeit stand die Überprüfung der Verträglichkeit im Fokus der klinischen Prüfung. Die Analyse der Sicherheitsendpunkte zeigte keine signifikanten Unterschiede im Auftreten unerwünschter Ereignisse zwischen der Loberamisal- und der Placebogruppe. Die zehntägige intravenöse Gabe erwies sich im Rahmen des untersuchten Kollektivs als gut beherrschbar.
In einem begleitenden Editorial in JAMA ordnete der Neurologe Dr. Jeffrey L. Saver die Ergebnisse der Untersuchung ein: „The LAIS trial indicates that loberamisal may improve 3-month disability-free recovery in patients who were not eligible for endovascular thrombectomy, supporting continued evaluation of neuroprotection alongside reperfusion strategies.“
Trotz der positiven Ergebnisse mahnen die Studienautorinnen und -autoren zur Besonnenheit. Das Feld der Neuroprotektion war in den vergangenen Jahrzehnten durch zahlreiche Rückschläge in späten Studienphasen geprägt. Bevor Loberamisal in den klinischen Alltag Einzug halten kann, sind weiterführende Untersuchungen erforderlich. Diese müssen klären, ob sich die beobachteten Behandlungseffekte auch in breiter gefassten Patientengruppen, unterschiedlichen Gesundheitssystemen und in Kombination mit weiteren rekanalisierenden Therapien reproduzieren lassen.